Sie haben Ihre Literaturklassiker gewählt!
Die Epochen
Sie haben Ihre Meisterwerke der deutschen Literatur aus 4 Epochen gewählt. Wir werten nun Ihre Ergebnisse für die Zeit von der Aufklärung bis hin zur Gegenwartsliteratur aus.
Bitte klicken Sie die einzelnen Epochen für weitere Informationen an.
Realismus, Naturalismus, Fin de siècle
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eroberte in Deutschland die große wirklichkeitsnahe Erzählkunst das lesefreudige Publikum. Es ist die Zeit der großen Romane und Novellen des Realismus, in denen es darum ging, die gesellschaftliche Wirklichkeit mit poetischen Mitteln abzubilden. Raabe arbeitet sich am Selbstverständnis des Bürgertums ab und in Romeo und Julia auf dem Dorfe verlegt Keller die Geschichte von Shakespeares unglücklichem Liebespaar in das bäuerliche Milieu seiner Zeit. Bei Fontane gerät die preußische Lebenswirklichkeit in den nüchternen Blick des allwissenden Erzählers. Als wir seine Effi Briest im Deutschunterricht kennen lernten, waren wir etwa in demselben Alter wie die eigensinnige und lebenshungrige Titelheldin zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit mit einem zwanzig Jahre älteren Adligen. Psychologisch genau und anspielungsreich schildert Fontane in seinem bekanntesten Roman, wie eine junge Frau an der Enge der gesellschaftlichen Konventionen zerbricht. Meisterhaft entfaltet er hier sein realistisches Erzählprinzip, in dem sich das Drama eines individuellen Schicksals mit einer subtilen Milieustudie der Bismarckzeit verbindet.
Die Hinwendung zur gesellschaftlichen Realität wurde von der Literatur des Naturalismus ab den Achtzigerjahren des Jahrhunderts auf die Spitze getrieben. So naturgetreu wie möglich sollte die Lebenswelt der industrialisierten Gesellschaft erfasst werden. Soziale und natürliche Vorgänge, die Reizüberflutung des Großstädters ebenso wie Elendsszenarien des Proletariats werden in aller Drastik ausformuliert. Der Mensch erscheint nicht nur durch soziale Umstände determiniert, er wird zudem als Spielball seiner Triebe und halbbewussten Zustände vorgeführt. So gibt es für Hauptmanns Bahnwärter Thiel kein anderes Ende als den Wahnsinn und dem Leser bleibt nichts weiter übrig, als sich dem beklemmenden Sog dieser sprachintensiven Erzählung zu ergeben.
Um die Jahrhundertwende lud sich die Atmosphäre immer mehr auf. Man schwankte zwischen Erschöpfung und euphorischer Aufbruchsstimmung. Die ideologischen Stützpfeiler der wilhelminischen Gesellschaft gerieten in das poetisch-philosophische Kreuzfeuer eines Friedrich Nietzsche. Der Wirklichkeitstreue von Naturalismus und Realismus setzten die Literaten des Fin de siècle das Glaubensbekenntnis der „l´art pour l´art“ entgegen. In den Werken von Hofmannsthal, Rilke, Schnitzler und Wedekind begegnen wir dem lebensfernen Ästheten, dem Dandy und der Femme fatale, erliegen ihrer dekadenten und sinnlichen Anziehungskraft, mit der sie die Grenzen des bürgerlichen Lebensentwurfs sprengen. In morbider Schönheit neigt sich eine Epoche ihrem Ende zu, überschattet von der dunklen Ahnung der Katastrophe des Ersten Weltkriegs.